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Revolution der Nachhaltigkeit
In Kubas Landwirtschaft ist derzeit viel in Bewegung. Ökolandbau auf dem Vormarsch


Kubas Landwirtschaft befindet sich in einer wichtigen Phase, auch wegen der Schlüsselposition, die ihr im Rahmen der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung beigemessen wird. Staatspräsident Raúl Castro sprach von einer „Frage der nationalen Sicherheit“. Angesichts der rund 1,5 Milliarden US-Dollar, die derzeit noch jährlich für Lebensmittelimporte ausgegeben werden müssen, überrascht es nicht, daß dem Ziel der Ernährungssouveränität so hohe Priorität eingeräumt wird. Und Kuba hat günstige Voraussetzungen, um dieses Ziel zu erreichen – trotz wetterbedingter Ernteverluste (im Jahr 2008 wurde zum Beispiel ein Drittel der gesamten Ernte durch Hurrikans vernichtet). Denn das Land verfügt über optimale natürliche Rahmenbedingungen und die nötige Infrastruktur für schnelle Wissensvermittlung. Daß dies mit einer umweltverträglichen und nachhaltigen Produktionsweise möglich ist, haben die über 200 000 kleinbäuerlichen Familienbetriebe unter Beweis gestellt, die auf inzwischen 41 Prozent der Ackerfläche bereits 70 Prozent des landwirtschaftlichen Bruttoinlandsprodukts erzeugen. Rund die Hälfte von ihnen betreibt Biolandbau.

Diese "Revolution der Nachhaltigkeit" wird von progressiven Agrarwissenschaftlern bewundert und fand im Mai bei der diesjährigen Verleihung des als "Gründer Nobelpreis" betrachteten Goldman Environmental Prize an Humberto Rios Labrada internatinale Anerkennung. Auch wenn Rios, Koordinator für Lokale Landwirtschaftliche Innovation am Nationalen Institut der Landwirtschaftswissenschaftler, zu bedenken gibt, daß Kubas landwirtschaftliches System „noch immer auf industriellen Prinzipien basiert“, kann er sich nicht vorstellen, daß man in nennenswertem Umfang zur Nutzung von Agrochemie zurückkehren wird, die die kubanische Landwirtschaft in den 80er Jahren beherrschten – schon aus Kostengründen.

Die Gefahr für eine nachhaltige Landwirtschaft in Kuba kommt aus einer anderen Ecke. Einerseits hat sich die kubanische Biotechnologie in den vergangenen Jahrzehnten große Verdienste sowohl bei der Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln als auch bei der Unterstützung biologischer Anbaumethoden in der Landwirtschaft erworben, letzteres insbesondere durch die Praxiseinführung stickstoffbindender Bodenmikroben als biologische Düngemethode (z.B. Azospirillium rhizobium) und durch die Produktion von Biopestiziden in den landesweit 220 Centros de la Reproducción de los Entomofages y Entomopatógenos (Zentren zur Vermehrung von Insektenfressern und Lebewesen, die bei Insekten Krankheiten verursachen).
Andererseits verfügt das Flaggschiff der kubanischen Biotechnologie, das renommierte Zentrum für Gentechnik und Biotechnologie (CIBG) in Havanna, über eine Abteilung für gentechnisch veränderte Nutzpflanzen, die verstärkt von sich reden macht. In diesem Jahr wurde auf ihr Betreiben erstmals auf 2.600 Hektar in der Provinz Sancti Spíritus Genmais angebaut. Carlos Borroto, stellvertretender Direktor des CIBG und wohl einer der einflußreichsten Gentechnikbefürworter in Kuba, verkündete vor einiger Zeit, es sei politischer Wille, die Grüne Gentechnik zu nutzen.

Die seit kurzem entbrannte Diskussion zu diesem Thema ist zumindest dadurch gekennzeichnet, daß Befürworter und Gegner der Gentechnik noch ernsthaft miteinander reden. Immerhin würdigte Borroto auf der diesjährigen Buchmesse in Havanna in einem überfüllten Saal das dort vorgestellte erste in Kuba erschienene gentechnikkritische Buch zur Debatte. Und auf einen Beitrag in der Online-Zeitschrift Febelión antwortete er ausführlich. Narcise Aguilera Marín, Mitglied der Asocioción Cubana de Técnicos Agrícolas y Forestales (ACTAF), hatte in Rebelión am 16. Mai unter dem Titel "Ökologischer Alarm gegen die Verbreitung von transgenem Mais in Kuba" vor den Risiken der Gentechnik gewarnt.
Aber Borrotos Argumentation ähnelt den stereotypen Antworten der Agrarkonzerne: Die Technologie sei sicher, alles werde strengstens kontrolliert, und Gentechnik sei zur Ertragssteigerung dringend nötig. Der einzige neue – und sicher zutreffende Hinweis des CIBG-Direktors ist der, daß in Kuba keine Profitinteressen hinter der Gentechnik stünden.

Die Frage ist, ob nicht auch wissenschaftlicher Ehrgeiz ausreichen könnte, um allen verfügbaren persönlichen Einfluß geltend zu machen, um begründete Bedenken gegen die Risikotechnologie zu unterdrücken. Die unkontrollierte Ausbreitung von Genmaispollen dürfte in Kuba kaum leichte zu verhindern sein als anderswo.
Gleichermaßen unklar ist, welchen Beitrag die gentechnische Veränderung einzelner Merkmale (zum Beispiel die Resistenz gegen den Maisschädling Palomilla) tatsächlich für die Ernährungssouveränität leisten könnte, und ob eine Vielfalt lokal angepaßter Sorten nicht besser geeignet wäre, insbesondere auch von den Witterungsunbilden verursachte Schäden zu begrenzen. Denn eine weitere Gefahr der Nutzung gentechnischer Sorten, ist die damit verbundene Verringerung der Artenvielfalt.

Unabhängig davon macht jedoch die Transformation der industriell geprägten Landwirtschaft Kubas in eine, die von hoch produktiven, nachhaltig wirtschaftenden bäuerlichen Betrieben bestimmt wird, Fortschritte. Denn auch für diese Entwicklung existiert der politische Wille. Kuba verfügt über erhebliche Flächenreserven, deren landwirtschaftliche Nutzung durch das 2008 erlassene Gesetz Nr. 259 erleichtert wird. Mit diesem Gesetz ermöglichte die kubanische Regierung Familien, die in die Landwirtschaft wechseln wollten, die Bewirtschaftung von bis zu 13,42 Hektar Land. Inzwischen sind nach Angaben des kubanischen Wirtschaftsministers Marino Murillo 920.000 Hektar Land zur Bewirtschaftung übergeben worden.

Aber rund die Hälfte dieser Fläche wird derzeit nicht oder nur ungenügend genutzt. Hier gibt es das Gleiche wie bei anderen Bodenreformprojekten: Die Übertragung von Landnutzungsrechten ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für landwirtschaftliche Produktion. Denn die Landwirte brauchen über das Produktionsmittel Boden hinaus Landtechnik, Geräte, Materialien, Transport- und Lagermöglichkeiten. Entsprechend kritisch waren die Stimmen auf dem 10. Kongreß des Nationalen Kleinbauernverbandes (ANAP), der am 15. und 16. Mai 2010 in Havanna stattfand, aber auch auf einem Kooperativentreffen am 5. Juni 2010. In der digitalen Zeitung des kommunistischen Jugendverbandes, wird am 8. Juni Yuniel Gonzalez, ein junger Bauer, zitiert. Er kritisierte die bürokratischen Hürden bei der Beschaffung von Material und Gerätschaften in deutlichen Worten. Unterdessen kündigte Wirtschaftsminister Murillo an, daß die Landwirte in der Mehrzahl der 169 Landkreise Kubas die Möglichkeit bekommen sollen, ihren Bedarf durch direkten Einkauf zu decken. Bislang sind aufwendige Antrags- und Genehmigungsverfahren nötig. Generell ist die Beseitigung bürokratischer Hürden im Bemühen, die landwirtschaftliche Produktion durch die Förderung von Initiative und Verantwortung anzukurbeln, ein probates Mittel. Bleibt zu hoffen, daß mit diesen Maßnahmen nicht eine schleichende allgemeine Privatisierung der Wirtschaft eingeleitet wird.

junge Welt Peter Clausing
Junge Welt, 04.08.2010








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